Quis sum?

Du kennst die Diskussion bestimmt aus dem Freundeskreis und einschlägigen Magazinen: Was ist Treue?

Nun geht es mir heute nicht darum, Treue an sich zu definieren, sondern vielmehr darüber zu sprechen, wie man mit Treue umgehen kann. Nämlich welche Modelle im Freundeskreis zu beobachten sind. Wir müssen alle für uns selbst entscheiden, nach welchem Modell wir leben möchten. Es stellt sich uns quasi die Adaption der Gretchen-Frage: "Nun sag, wie hast du's mit der Treue?"

Seriell.

In meiner Jugend-Zeit war ich oft mit deutlich älteren Personen unterwegs. Jemand, der mir geblieben ist, nennen wir ihn Karl. Karl war eigentlich eher unscheinbar. Er war vielleicht etwas grösser als der Durchschnitt, aber sehr schmächtig. Vom Intellekt her Durchschnitt, vom Humor her ebenfalls. Er wäre der ideale Auftragskiller; eine Person an die niemand sich erinnern könnte, weil er in fast jeder Hinsicht so durchschnittlich war, wie nur möglich.

Was mich und viele Freunde an Karl beeindruckte, war, wie er es schaffte stets mit den schönsten Frauen zusammen zu sein. Sein Rezept war einfach: Er war immer "all-in". Fast im Wochentakt gesellte er sich begeistert zu uns, und war "total verliebt". Denn jedes Mal, wenn er auf eine neue Frau stiess, war er von uns der aktivste und interessierteste Zuhörer. Er erfuhr von ihren Sorgen, den schwierigen Zeiten, den geheimen Wünschen. Und so zog er die Frauen in seinen Bann und war selbst tief engagiert. Allerdings, das war seine Kehrseite, das dauerte immer nur, bis er auf eine neue Frau traf (das geschah fast wöchentlich), die wiederum aufs Neue spannend war. Und dann vollzog er den fliegenden Wechsel. Wie ich gehört hab, hat er seinen Takt reduziert, aber an seinem "nicht binden wollen" scheint sich nichts verändert zu haben. Für ihn scheint es zu stimmen.

Hardliner

Peter war immer der Gradlinige. Extrem umtriebig und im Nu auch geschäftlich sehr erfolgreich. Er war der Typ, der im Film vermutlich von einem Tom Cruise dargestellt würde. Er hatte alles im Griff und ein extrem gutes fotografisches Gedächtnis. Schon bald hatte er eine wunderschöne Frau an seiner Seite und heiratete diese. Der Traum schien perfekt.

Nun, Peter arbeitete trotz seines respektablen Wohlstands weiter wie ein Ochse (Top-Wohnung in der Innenstadt gekauft, immer schick unterwegs und an allen hippen Locations schon mal gewesen. Unter Freunden waren sie das Vorzeigepaar). Das wurde ihm möglicherweise zum Verhängnis. Ihm fiel nach einiger Zeit auf, wie Dinge in der Wohnung nach Rückkehr von Geschäftsreisen irgendwie anders waren. Sein Detektiv fand die Spur: Jedes Mal, wenn er geschäftlich verreiste, kam schon bald Besuch für seine Frau. Und blieb bis kurz vor seiner Rückkehr.

Für Peter war dies die rote Linie. Kein Gespräch, keine Eheberatung, kein Kompromiss. Anwalt eingeschaltet und abgewickelt. Er litt innerlich wie ein Hund, aber für ihn gab es immer nur schwarz und weiss. Er zog das konsequent durch und ist jetzt in einer neuen festen Beziehung. Er selbst hält sich trotz Geschäftsreisen strikt daran: Nur zuhause wird gegessen.

Flexibel

Stephan war ein Charmeur. Gut ausschauend, mit tiefer Stimme, belesen und immer der Gentlemen. Zumindest, wenn es seinen Zielen half.

Denn er selbst führte Buch über seine Eroberungen. Damit er die Namen und Interessen nicht andauernd vermischte. Er hatte aber auch keine Skrupel, Frauen, die er gleichzeitig datete, am gleichen Abend zu treffen. Zum Teil sahen sich diese sogar.

Auf die Frage, wie er damit umging, hatte er eine Antwort parat: "Wenn das Leben endet, will ich nicht derjenige sein, der weniger hatte. Und solange ich mich am Morgen im Spiegel anschauen kann, liegt es noch drin." Damit hat er ziemlich viel geschockt. Für ihn war es normal.

Pragmatisch

Kuno war romantisch und pragmatisch veranlagt. Mal fuhr er 500km, nur um eine potentielle "Richtige" zu treffen (Antwort damals: vergebens). Das hinderte ihn nicht daran, es weiterhin so zu halten. Wenn er das Gefühl hatte, dass es "stimmte", dann versuchte er Alles. Als Romantiker hatte er immer passende "Events" organisiert (bis zum Candle-Light Dinner mit privatem Konzert vom der Hotel-Pool). Und wenn die Frau erobert war, versuchte er die Freunde und Familie von seinen guten Absichten zu überzeugen. Wir lachten, als er erzählte, wie er sogar an die jüngeren Geschwister mitm Motorrad Osterhasen verteilt hatte. Wenn es stimmte, stimmte es. Und so heiratete er und hielt es auch so.

Während er glücklich war, geschah über Zeit, was manchmal passiert. Seine Frau hatte auf dem Firmenausflug mit einem Kollegen was. Doch gingen die beiden das sehr ungeschickt an. Weil Kuno auch in ihrem Freundeskreis beliebt war, kam das halt raus.

So sehr ihn das schockte, er wollte vor allem verstehen, weshalb. Und wo er in der Beziehung versagt hatte. Der einfache Weg wäre für ihn gewesen, die Beziehung zu beenden. Er entschied sich nach Gespräch mit seiner Frau für eine Paartherapie. Und ist heute - Jahre später - immer noch glücklich verheiratet. Denn wie er selber sagt: Wir alle sind nicht perfekt. Wir wollen nicht danach geurteilt werden, wie wir in unseren schlechtesten Momenten handeln. Lieben bedeutet auch, den Partner mit allen schönen und weniger schönen Seiten akzeptieren zu können - und auch so akzeptiert zu werden.

Um auf Gretchen zurückzukommen: Wie hälst du's mit der Treue?

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